Gütersloh für Anfänger #1 – die Geburt eines Güterslohers
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, #Gütersloher zu werden.
Die klassische Methode besteht darin, in #Gütersloh geboren zu werden. Das ist vergleichsweise unkompliziert, weil man dabei noch keine eigene Entscheidung treffen muss.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, nach Gütersloh zu ziehen. Das setzt bereits einen gewissen Willensakt voraus und wirft Fragen auf, auf die wir später zurückkommen werden.
Die dritte und vermutlich häufigste Variante lautet: Man war einfach schon immer da.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn der gebürtige Gütersloher sagt nicht: »Ich habe mich für Gütersloh entschieden.«
Er sagt: »Ich bin aus Gütersloh.«
Damit ist die Sache erledigt.
Lektion 1: Wie heißt dieser Ort überhaupt?
Bevor wir uns mit den komplizierteren Dingen beschäftigen – #Dalke, #Lutter, #Möppken, #Kartoffeln, #Miele, #Bertelsmann und der Frage, ob #Avenwedde eigentlich noch Gütersloh ist – müssen wir zunächst den Namen lernen.
Gütersloh.
Das sieht schwieriger aus, als es ist.
Wir zerlegen das Wort: Gü – ters – loh.
Und jetzt gemeinsam: Güüüüü – ters – looooooh.
Sehr schön.
Noch einmal in normaler Geschwindigkeit:
Gütersloh.
Herzlichen Glückwunsch. Sie können Gütersloh.
Damit sind Sie sprachlich bereits besser aufgestellt als zahlreiche Menschen außerhalb Ostwestfalens, die irgendwann anfangen, ein zusätzliches e einzubauen, Buchstaben zu verschlucken oder aus Gütersloh eine Art skandinavische Küstenstadt zu machen.
Nicht zulässig sind insbesondere: Güterslo. Güterslow. Güterloh. Güterslohe.
Nein.
Gütersloh.
Das h am Ende ist übrigens vorhanden, obwohl man es nicht hört. Das ist sehr gütersloherisch: Es ist da, macht aber kein großes Aufheben darum.
Lektion 2: Wo liegt Gütersloh?
Diese Frage ist bereits schwieriger.
Die einfache Antwort lautet: In Nordrhein Westfalen.
Die etwas bessere Antwort lautet: In #Ostwestfalen.
Die vollständige Antwort lautet: In Ostwestfalen Lippe, allerdings nicht in #Lippe.
Damit haben wir bereits ein wesentliches Prinzip der Region kennengelernt.
Wer jetzt fragt, wo Ostwestfalen eigentlich liegt, dem hilft eine grobe Orientierung.
Links ist #Münster.
Rechts ist #Paderborn.
Oben ist irgendwann #Osnabrück.
Unten wird es hügelig.
Und irgendwo dazwischen liegt #Bielefeld.
Gütersloh befindet sich knapp darunter.
Das ist geografisch gemeint.
Lektion 3: Bielefeld
An dieser Stelle müssen wir bereits über Bielefeld sprechen.
Das ist bedauerlich, aber unvermeidlich.
Bielefeld ist die größere Nachbarstadt von Gütersloh und besitzt Dinge, die Gütersloh nicht besitzt. Zum Beispiel eine #Universität, eine #Straßenbahn und die Fähigkeit, auf fast jeder #Deutschlandkarte bereits bei deutlich kleineren Maßstäben aufzutauchen.
Der Gütersloher hat damit grundsätzlich kein Problem.
Er erwähnt es nur regelmäßig.
Umgekehrt besitzt Gütersloh Dinge, die Bielefeld nicht besitzt.
Zum Beispiel Gütersloh.
Damit wäre dieses Thema fürs Erste abgeschlossen.
Lektion 4: Die Landschaft
Gütersloh liegt in einer Landschaft, die den Menschen nicht unnötig mit Höhenunterschieden belastet.
Das Land ist flach.
Sehr flach.
Wer auf einen Bordstein steigt, gewinnt Überblick.
Das hat Vorteile. #Fahrräder funktionieren hier ausgezeichnet. Man kann sonntags 35 Kilometer zurücklegen und hinterher behaupten, eine #Radtour gemacht zu haben, obwohl der größte Höhenunterschied vermutlich eine #Autobahnbrücke war.
Dafür haben wir #Wasser.
Nicht wahnsinnig viel Wasser.
Aber wir haben Dalke und Lutter.
Beides sind Flüsse.
Beziehungsweise Gewässer.
Beziehungsweise Dinge, bei denen man als Anfänger zunächst besser nicht darüber diskutiert, ob das jetzt ein Fluss oder ein Bach ist.
Merken Sie sich vorerst nur: Dalke. Lutter.
Das genügt.
Später lernen wir, wo sie fließen und warum der Gütersloher sehr genau weiß, dass es sie gibt, ohne deshalb jederzeit sagen zu können, wo er sie gerade finden würde.
Lektion 5: Kartoffel
Nun kommen wir zur #Ernährung.
Die Kartoffel ist für das Verständnis Ostwestfalens ungefähr das, was #Reis für große Teile Asiens und #Pasta für #Italien ist.
Nur ohne das ganze #Theater.
Die Kartoffel liegt auf dem Teller und erwartet keine Anerkennung.
Sie ist gekocht.
Fertig.
Das passt hervorragend hierher.
Natürlich verfügt die moderne Gütersloher #Gastronomie inzwischen über #Sushi, #Bowls, #Falafel, #Pizza, #Burger, #Tapas, #Pho und #Lebensmittel, deren Namen noch vor 30 Jahren vermutlich einen Einsatz des Gesundheitsamtes ausgelöst hätten.
Aber tief unter dieser kosmopolitischen Oberfläche ruht die Kartoffel.
Geduldig.
Sie weiß, dass ihre Zeit wiederkommen wird.
Lektion 6: #Möppkenbrot
Anfänger sollten an dieser Stelle noch nicht mit Möppkenbrot konfrontiert werden.
Aber da es ohnehin irgendwann passieren wird, bringen wir es hinter uns.
Möppkenbrot ist eine westfälische Spezialität.
Es sieht nicht aus wie Brot.
Es verhält sich nicht unbedingt wie Brot.
Und der Bestandteil »Möppken« trägt zur Aufklärung ebenfalls nur begrenzt bei.
Das ist Absicht.
Wer wissen möchte, was genau darin enthalten ist, sollte zunächst prüfen, ob er diese Information wirklich benötigt.
Der fortgeschrittene Gütersloher stellt nämlich irgendwann nicht mehr die Frage: »Was ist das?«
Sondern: »Schmeckt doch.«
Damit hat er eine bedeutende Stufe der Integration erreicht.
Lektion 7: Der gebürtige Gütersloher
Nun können wir endlich zur eigentlichen Geburt kommen.
Ein Mensch kommt in Gütersloh zur Welt.
Er weiß zunächst nichts von Dalke und Lutter. Er kennt weder Miele noch Bertelsmann. Er hat keine Meinung zum Berliner Platz. Er weiß nicht, was #Spexard ist und warum #Isselhorst zwar Gütersloh ist, aber trotzdem Isselhorst.
Es sind die vielleicht unbeschwertesten Minuten seines Lebens.
Doch schon bald beginnt die Sozialisation.
Das #Kind lernt sprechen.
Es lernt laufen.
Es lernt #Fahrrad fahren.
Und irgendwann lernt es, dass man für manche Dinge nach Bielefeld fahren muss.
Damit endet die Kindheit.
Lektion 8: Der zugereiste Gütersloher
Schwieriger hat es der Zugezogene.
Er kommt beispielsweise aus #Hamburg, #Berlin, #München oder – besonders problematisch – #Köln.
Er steigt am Gütersloher #Hauptbahnhof aus und macht einen folgenschweren Fehler: Er erwartet etwas.
Davon ist dringend abzuraten.
Gütersloh erschließt sich nicht durch Erwartung.
Gütersloh erschließt sich durch Gewöhnung.
Das ist ein langsamer Prozess.
Am ersten Tag denkt der Neuankömmling vielleicht: »Ach.«
Nach einer Woche: »Eigentlich ganz praktisch.«
Nach 6 Monaten: »Man kommt überall schnell hin.«
Nach 2 Jahren: »Dafür würde ich jetzt nicht extra nach Bielefeld fahren.«
In diesem Moment ist es passiert.
Der Mensch ist Gütersloher geworden.
Er merkt es selbst meistens erst später.
Lektion 9: Die wichtigste Grundregel
Damit wären wir bei der vielleicht wichtigsten Erkenntnis dieser ersten Unterrichtseinheit: Gütersloh muss man nicht verstehen.
Man muss zunächst nur wissen, dass es da ist.
Der Rest kommt mit der Zeit.
Irgendwann weiß man, dass die Dalke nicht die Lutter ist.
Dass der #Dreiecksplatz erstaunlich viele Ecken hat.
Dass »Innenstadt« ein dehnbarer Begriff sein kann.
Dass man über die B 61 grundsätzlich eine Meinung haben darf.
Dass es einen Stadtteil namens #Kattenstroth gibt und niemand dabei an Katzen denkt.
Und irgendwann steht man einem Neuankömmling gegenüber, der fragt: »Wo ist denn hier eigentlich?«
Und man antwortet: »Ach, da fährste einfach hier runter, dann anner Ampel links, hinter Miele rechts und dann siehste das schon.«
In diesem Augenblick ist die Integration vollständig.
Abschlussprüfung
Bevor Sie an Gütersloh für Anfänger #2 teilnehmen dürfen, beantworten Sie bitte folgende Fragen:
1. Wie heißt die Stadt?
2. Wo liegt sie?
3. Welche beiden Gewässer sollte man vorsichtshalber kennen?
4. Was ist das wichtigste Grundnahrungsmittel?
5. Wann ist ein Zugezogener erfolgreich integriert?
Sie haben bestanden.
Willkommen auf der Welt, willkommen in Gütersloh.
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